03 Problemstellung

KI und Bildanalyse

Generative KI kann in kurzer Zeit umfangreiche Texte zur Bildanalyse erzeugen. Diese Texte basieren jedoch nicht auf präziser visueller Beobachtung, sondern auf statistischen Musterfortsetzungen. Die Modelle erzeugen Beschreibungen, die plausibel wirken, aber nicht sicher an das konkrete Bild gebunden sind. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen formaler Beobachtung, Interpretation und Kontextzuschreibung. KI kann keine visuelle Evidenz prüfen, sondern extrapoliert aus Trainingsdaten. Das führt zu inhaltlichen Ungenauigkeiten, Vermischungen unterschiedlicher Bildtypen und inkonsistenten Beschreibungen. Ohne methodische Rahmung verliert die Bildanalyse ihre Bindung an Wahrnehmung, Terminologie und kunsthistorische Standards.


Verlust hermeneutischer Tiefe

Kunsthistorische Hermeneutik ist ein gestuftes Erkenntnisverfahren, das zwischen Sichtbarem, Kontexten und Deutungen unterscheidet. Sprachmodelle rekonstruieren diese Struktur nicht, sondern erzeugen eine synthetische Oberfläche, die analytische Tiefe imitiert. Formale Beschreibung und Interpretation werden nicht getrennt, theoretische Konzepte erscheinen als unverbindliche Schlagworte, und historische Bezüge lösen sich in allgemeinen Wendungen auf. Damit geht der Kern hermeneutischer Arbeit verloren: argumentatives Fortschreiten, Begründungspflicht und kritische Reflexion. KI erzeugt Texte, die wie wissenschaftliche Deutungen wirken, aber nicht durch methodische Schritte gedeckt sind.


Epistemische Risiken

Unkontrollierte KI-Textproduktion kann den Eindruck belastbarer Erkenntnis erwecken, obwohl die zugrunde liegende Operation rein probabilistisch ist. Dies führt zu epistemischen Risiken: erfundene Fakten, nicht belegbare Zuschreibungen, unsichtbare Mischungen aus Stilmustern, verzerrte historische Bezüge und die Gefahr, dass fehlerhafte Inhalte durch Wiederholung Autorität gewinnen. Da weder Quellenwege noch Begründungen offengelegt werden, entsteht eine Form von Schein-Objektivität. Ohne klare Vorgaben wird KI zum Verstärker bestehender Verzerrungen – nicht zu einem Werkzeug kontrollierter wissenschaftlicher Analyse.