02 Einleitung

Die kunsthistorische Forschung befindet sich in einem methodischen Umbruch. Mit der breiten Verfügbarkeit generativer KI-Systeme sind erstmals Werkzeuge entstanden, die in der Lage scheinen, komplexe Bildanalysen, Kontextualisierungen und theoretische Einbettungen sprachlich zu simulieren. Diese Entwicklung erzeugt zugleich Faszination und Irritation. Was auf den ersten Blick wie eine radikale Beschleunigung und Vereinfachung wissenschaftlicher Arbeit erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als epistemische Herausforderung: KI erzeugt Texte auf Grundlage statistischer Muster, nicht aufgrund von Erkenntnisprozessen, methodischen Prüfungen oder hermeneutischer Erfahrung.

Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Was bleibt von kunsthistorischer Hermeneutik, wenn ihre Struktur nicht mehr garantiert ist? Die traditionellen Verfahren der Disziplin – genaue Beobachtung, Kontextwissen, theoretische Einordnung, argumentative Deutung – sind nicht zufällig entstanden. Sie bilden eine historische und methodische Antwort auf die Komplexität visueller Zeugnisse. Werden diese Verfahren durch sprachmodellbasierte Automationen unterlaufen, droht die Wissenschaftlichkeit des Faches ausgehöhlt zu werden.

Hier setzt VERA-VM an. Das Framework versteht sich nicht als Ersatz der Kunsthistorikerin oder des Kunsthistorikers, sondern als methodische Rahmung maschineller Prozesse. Indem es die Analyse in klar abgegrenzte Module gliedert – formale Beschreibung, Kontextualisierung, Theorieanwendung, Synthese – zwingt VERA-VM die KI in eine strukturierte Arbeitsweise, die an wissenschaftliche Standards gekoppelt bleibt. Die Maschine soll nicht „interpretieren“, sondern definierten Verfahren folgen, die Transparenz und Begründbarkeit gewährleisten.

Die Einleitung erläutert diese Ausgangssituation, beschreibt die Risiken unkontrollierter KI-Textproduktion und begründet, warum ein modular aufgebautes, hermeneutisch diszipliniertes System notwendig ist. VERA-VM ist weniger ein technisches Tool als ein epistemisches Konzept: ein Versuch, die spezifische Qualität kunsthistorischer Erkenntnis im digitalen Zeitalter zu bewahren und zugleich neue Formen der Mensch-Maschine-Kooperation zu ermöglichen.