Erstellt: 29. September 2025 | Überarbeitet: 30. November 2025 | Erstellt von: Louis de la Sarre | Mail an Autor
(00) Prüfungsformate verstehen
– Was Universitäten wirklich prüfen
Studienkompass VERA.VM
Einleitung
Wer ein Studium beginnt, sieht sich schnell mit Prüfungsformen konfrontiert, deren Logik nicht sofort ersichtlich ist. Referat, Hausarbeit, Klausur, mündliche Prüfung – sie scheinen unterschiedliche Anforderungen zu stellen, prüfen aber im Kern immer dasselbe: die Fähigkeit, Wissen in Denken zu verwandeln und dieses Denken verständlich, nachvollziehbar und redlich mitzuteilen.
Dieser Artikel erklärt, was Universitäten tatsächlich prüfen, warum diese Formate existieren und wie man ihre zugrunde liegende Logik richtig versteht.
Was Prüfungen im Studium eigentlich messen
Akademische Prüfungen prüfen nicht das Kurzzeitgedächtnis oder die Fähigkeit, Stoff schnell zu reproduzieren.
Sie prüfen:
- Verstehen statt Wiederholen
- Strukturieren statt Aneinanderreihen
- Argumentieren statt Behaupten
- Belegen statt Meinen
- Selbstständigkeit statt Referieren
Kurz: Sie prüfen, ob Studierende aus Information Erkenntnis machen können.
Universitäten bewerten nicht „wie viel jemand weiß“, sondern wie jemand mit Wissen umgeht.
Die vier Hauptformate – und was sie prüfen
Das Referat
Prüft:
- Überblickskompetenz
- Fähigkeit zur Strukturierung
- adressatengerechtes Erklären
- Auswahl relevanter Aspekte
- Umgang mit sekundärer Literatur
Es ist ein mündlicher Nachweis: Kann ich ein Thema verstehen und verständlich machen?
Die Hausarbeit
Prüft:
- eigenständige Fragestellung
- methodische Klarheit
- sauberes Arbeiten mit Quellen und Forschung
- stringente Argumentation
- schriftliche Präzision und Nachvollziehbarkeit
Sie ist der schriftliche Kern universitärer Prüfungen: Kann ich aus einem Thema ein begründetes Argument entwickeln?.
Die Klausur
Prüft:
- schnelles Erfassen von Kernbegriffen
- Anwendung des Gelernten auf neue Beispiele
- Basiskonzepte, Methoden, Kategorien
- klare Formulierungen unter Zeitdruck
Wichtig: Klausuren prüfen nicht Detailwissen, sondern Verständnis in komprimierter Form.nken, sauber argumentieren.
Die mündliche Prüfung
Prüft:
- Dialogfähigkeit
- spontane Analyse
- Transferleistung
- Fähigkeit, Gedanken klar zu ordnen
- Sicherheit im Umgang mit Begriffen und Methoden
Hier zeigt sich, ob man die Inhalte wirklich durchdrungen hat.
Die verborgene gemeinsame Struktur aller Formate
Unabhängig vom Format erwarten Prüfer drei Dinge:
(a) Ein klarer Gedanke
Eine präzise Frage, ein erkennbarer Fokus.
(b) Eine nachvollziehbare Methode
Wie man dorthin gelangt: Begriffsauswahl, Vorgehen, Quellen, Theorie.
(c) Ein überprüfbarer Argumentationsweg
Jede Behauptung muss belegt oder logisch hergeleitet werden.
Ob mündlich oder schriftlich – diese Struktur bleibt identisch.
Häufige Missverständnisse von Studierenden
- „Ich erzähle einfach, was im Lehrbuch steht.“
→ führt nie zu einer guten Note; es fehlt die Eigenleistung. - „Klausuren sind reines Auswendiglernen.“
→ Klausuren prüfen Verständnis, nicht Abruf. - „Hausarbeiten sind nur längere Referate.“
→ falsch; Hausarbeiten haben eine völlig andere Logik. - „In mündlichen Prüfungen muss ich perfekt sein.“
→ nein; Prüfer wollen sehen, wie du denkst, nicht dass du alles weißt.
Was Dozenten tatsächlich erwarten
- Klarheit statt Umfang
- Begründete Auswahl statt Vollständigkeit
- Verständliche Sprache statt Fachjargon
- Forschungskontakt statt Meinungen
- Redlichkeit statt rhetorischem Glanz
Wissenschaftliches Arbeiten ist keine Stilübung, sondern ein aktives Denken unter Regeln.
Warum wissenschaftliche Redlichkeit das Fundament aller Prüfungen ist
Alle Prüfungsformate setzen voraus:
- korrektes Zitieren
- transparente Belege
- saubere Abgrenzung eigener Gedanken
- exakte Wiedergabe fremder Positionen
- Verantwortung für das eigene Argument
Ohne diese Haltung verliert eine Prüfung ihren wissenschaftlichen Charakter.
Wie man sich sinnvoll vorbereitet
Für Referate
- Leitfrage formulieren
- rote Linie entwickeln
- Thesen statt Themen präsentieren
Für Hausarbeiten
- präzise Fragestellung
- kleine, klar abgegrenzte Themen wählen
- relevante Literatur sichten
- Methodik bewusst wählen
Für Klausuren
- Begriffe und Modelle verstehen
- mit Beispielmaterial üben
- Zusammenhänge, nicht Details lernen
Für mündliche Prüfungen
- laut erklären üben
- Kernbegriffe definieren können
- typische Prüfungssituationen simulieren
Zusammenfassung
Prüfungen messen keine Wissensspeicher, sondern die Form der geistigen Arbeit. Wer versteht, wie die Formate funktionieren, verliert die Angst vor ihnen – weil er erkennt, dass sie alle dieselben Fähigkeiten verlangen: klar sehen, präzise denken, sauber argumentieren.
Empfohlene Literatur
- Gerick, Julia / Sommer, Angela / Zimmermann, Gerno: Kompetent Prüfungen gestalten. 53 Prüfungsformate für die Hochschullehre. Paderborn: UTB, 2017.
- Universität Würzburg: Prüfungsformen und -arten. Würzburg: Zentrum für Hochschullehre, o. J.
Online verfügbar unter: https://www.uni-wuerzburg.de/lehre/lehren/pruefen/pruefungsformen-und-arten/ - Universität Potsdam: Prüfungsformate – Qualifikationsziele und Formate. Potsdam: Zentrum für Qualitätsentwicklung, 2024.
Online: https://www.uni-potsdam.de/de/zfq/themen/studienprogrammentwicklung/pruefungsformate - Universität Bremen: Prüfungsformen bestimmen. Bremen: Informationsportal Hochschullehre, o. J.
Online: https://www.uni-bremen.de/informationsportal-hochschullehre/lehre-gestalten/phase-1-konzeption/pruefungsformen-bestimmen - Hochschulforum Digitalisierung: Digitale kompetenzorientierte Prüfungen – Good Practices. Berlin: HFD, 2025.
PDF: https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2025/02/Blickpunkt_digitale_kompetenzorientierte_pruefungen.pdf
Hinweis: Diese Auswahl bietet eine zuverlässige Grundlage zur Einordnung universitärer Prüfungsformate
– von klassischen mündlichen und schriftlichen Formen bis zu digitalen, kompetenzorientierten Prüfungen moderner Hochschulen.
Die Quellen stammen ausschließlich aus offiziellen Hochschul- und Wissenschaftseinrichtungen.
