🟦 T2 Theoretische Grundlagen – Bildhermeneutik nach Niesyto & Marotzki
Die Bildhermeneutik versteht Bilder als eigenständige kulturelle Ausdrucksformen, die mehr zeigen, als Sprache allein vermitteln kann. Sie untersucht, wie Menschen in Bildern ihre Sicht auf die Welt, ihre Erfahrungen und ihr Selbstverständnis artikulieren.
Im Zentrum steht das Verstehen kultureller Produkte in ihrer Eigenlogik – also der Versuch, die innere Logik eines Bildes zu erkennen, ohne vorschnell Deutungen oder theoretische Vorannahmen einzubringen.
1. Herkunft und Zielsetzung
Der Ansatz geht auf Winfried Marotzki und Horst Niesyto zurück, die ihn 2006 im Band „Bildinterpretation und Bildverstehen“ erstmals systematisch beschrieben haben. Er wurde aus der Panofsky-Tradition der Ikonologie weiterentwickelt, um für sozial- und erziehungswissenschaftliche Forschung anwendbar zu sein.
Ziel ist es, die Wirklichkeit sozialer und biografischer Zusammenhänge in Bildern zu erfassen – etwa in Fotografien, die von Jugendlichen, Forschenden oder Künstlerinnen erstellt wurden.
2. Vierstufiges Analysemodell
Das Verfahren ist in vier klar voneinander getrennte, aber aufeinander aufbauende Schritte gegliedert:
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Objektebene (vorikonografische Beschreibung)
Erfassung und Benennung aller sichtbaren Elemente ohne Interpretation – als bewusster Versuch, die eigenen kulturellen Bedeutungsannahmen „einzuklammern“. -
Ordnung der Objekte (ikonografische Analyse)
Herstellung von Sinnzusammenhängen: Welche Beziehungen, Gesten oder Handlungen sind erkennbar? Welche Geschichten oder Themen werden sichtbar? -
Inszenierung der Objekte (mise-en-scène)
Analyse der formalen Gestaltung: Komposition, Raum, Licht, Farbe, Perspektive. Hier werden die Erkenntnisse aus der Film- und Bildwissenschaft integriert, um die Bildstruktur selbst als Träger von Bedeutung zu begreifen. -
Bildungstheoretische Analyse der Selbst- und Weltreferenzen
Das Bild wird als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden – als Medium, in dem sich individuelle Erfahrungen mit kollektiven Weltanschauungen verbinden.
3. Methodische Leitlinien
Die Methode betont:
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Einklammerung kultureller Vorurteile (phänomenologische Haltung nach Husserl),
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Trennung von Analyse und Interpretation,
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Pluralität und Plausibilitätsprüfung von Lesarten,
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Intersubjektive Validierung in Forschergruppen,
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Selbstreflexion der Forschenden über eigene Wahrnehmungs- und Deutungshorizonte.
4. Bedeutung für VERA-VM
In VERA-VM bildet die Bildhermeneutik nach Niesyto & Marotzki die theoretische Grundlage für die Module A2 bis A5.
Sie ermöglicht ein methodisch reflektiertes, mehrdimensionales Bildverstehen, das wissenschaftliche Präzision mit hermeneutischer Offenheit verbindet.
Durch ihre Struktur eignet sich die Methode sowohl für bildungswissenschaftliche als auch kultur- und medienanalytische Fragestellungen.

